Apple und Foxconn – das scheint eine extrem beliebte Kombination von Schlagwörtern bei vielen Nachrichtenagenturen und Blogs zu sein. Immerhin verspricht sie oftmals Drama und Anteilnahme: Die vermeintliche Ausbeutung chinesischer Arbeiter durch den Megakonzern Apple liest sich ja auch so schön wie mitten in David gegen Goliath (und Apple ist dabei natürlich Goliath). Neu-CEO Tim Cook sah sich deswegen im Januar gezwungen, die Politik Apple’s in Bezug auf seine chinesischen Manufakturen zu rechtfertigen.
Das Forbes Magazin hat jetzt einen Blick hinter die Schlagzeilen geworfen und einige überraschende Zahlen aufgedeckt, die zeigen, dass Apple vielleicht gar nicht so böse und rücksichtslos ist, wie man dem Unternehmen aus Kalifornien gerne vorwirft.
Apple und Foxconn im Kontext
Um Apple dazu zu zwingen, die vermeintlich verheerenden Arbeitsbedingungen zu verbessern, ging bereits die Idee um, den Kauf von Apple Produkten zu boykottieren. Immerhin hat die renommierte New York Times einen Artikel mit erschreckenden Details zur Situation der Arbeitskräfte in China veröffentlicht. Sowas soll man natürlich nicht unterstützen, indem man das Unternehmen, was das sanktioniert, noch reicher macht. So oder so ähnlich wird argumentiert.
Dass es tatsächlich zu Unfällen, Verletzungen und sogar tragischen Todesfällen gekommen ist, werde ich nicht abstreiten. Es ist dokumentiert und jeder Unfall ist ein Unglück für alle Betroffenen.
Was ich aber machen will – und Dank des Forbes Artikels endlich kann, da dieser mit Zahlen belegt ist – ist die ganze Situation in eine richtige Perspektive rücken, die hinter den ganzen Schlagzeilen unter geht.
Besonders gelungen finde ich in diesem Zusammenhang diese Grafik, welche vom britischen Komiker und Kritiker Stephen Fry vor Kurzem getweeted wurde:

Grafische Darstellung der Zahlen, die im Forbes Artikel erwähnt werden.
Nehmen wir das Bildchen mal auseinander: Die Zahl der in der Presse mit tragischer Anteilnahme weit verbreiteter Selbstmorde in den Foxconn Fabriken liegt DEUTLICH unter dem chinesischen Durchschnitt. Die Anzahl der tödlichen Unfälle am Arbeitsplatz liegt sogar signifikant unter dem US Amerikanischen Durchschnitt! Und schließlich verdienen die Arbeiter bei Foxconn mehr als der chinesische Durchschnitt.
Ich selbst war von der Deutlichkeit dieser Zahlen überrascht; ich habe in den vergangenen Wochen immer wieder mal versucht so etwas rauszufinden, aber wenn man nicht gerade die journalistische Power von Forbes hinter sich hat, ist das etwas schwieriger.
Wenn man jetzt diesen deutlichen Befund nimmt, dass Foxconn Arbeiter sicherer arbeiten als die Amerikaner und im Schnitt weniger selbstmordgefährdet sind als ihre eigenen Landsleute – warum wird dann trotzdem auf Apple herumgetrampelt? Ganz einfach: Man legt die verkehrten Maßstäbe an.
Zweierlei Maß – Der perfekte Anwendungsfall
Was wir in unserer luxuriösen Situation oftmals vergessen ist, dass wir unsere Maßstäbe von Wohlstand, Arbeitszeiten, Glück und Erfolg nicht auf (aufstrebende) Länder der dritten Welt übertragen können. Jetzt kann man argumentieren, das China aufgrund seines enormen Wirtschaftsmotors kaum als Dritte Welt Land bezeichnet werden kann, aber ich denke, wenn man sich China als Gesamtkonstrukt anschaut und sich die Hungerkatastrophen der letzten Dekade wieder in Erinnerung ruft, so ist China noch keine etablierte Industrienation.
Wenn man diesen Hintergrund ignoriert, liest sich der folgende Satz aus einem weiteren kritischen Artikel der NY Times natürlich dramatisch:
The facility has 230,000 employees, many working six days a week, often spending up to 12 hours a day at the plant. Over a quarter of Foxconn’s work force lives in company barracks and many workers earn less than $17 a day.
Übersetzt heißt es hier: “Die Einrichtung hat 230.000 Angestellte, viele davon arbeiten 6 Tage die Woche und davon oftmals in 12 Stunden dauernden Schichten. Mehr als 1/4 der Foxconn Angestellten leben in Firmenbaracken und viele Arbeiter verdienen weniger als $17 am Tag.”
Das sind erst einmal Zahlen, die es zu verarbeiten gilt. Eine 6-Tage-Arbeitswoche klingt für den einen oder anderen ziemlich hart. Diverse Leute werden aber dabei nur nonchalant mit den Schultern zucken. Auch in Industrienationen ist es keineswegs unüblich, 6 Tage durchzuarbeiten. Wir in Deutschland haben es mit unseren Gesetzen da noch sehr gut; in den USA geht es da wesentlich härter zu und viele arbeiten 7 Tage die Woche, 2 Jobs, um sich und die Familie durchzubringen bzw. sich eine Ausbildung zu finanzieren. Mal so als Perspektive.
Zwölf Stunden Schichten klingen ebenfalls anstrengend. Ich selbst habe während des Studiums über 1 Jahr nachts in einer lokalen Druckerei gearbeitet und dort mehrfach 10 Stunden Schichten geschoben. Danach bin ich mit schmerzenden Füßen nach Hause bzw. in die Uni gewackelt. Ich unterschätze die Anstrengung einer solchen Arbeit also keinesfalls.
Und für $17 würde ich natürlich nicht arbeiten gehen. Ihr sicher auch nicht. Auch nicht diejenigen, die diese verdammenden Artikel geschrieben haben. Das ist schließlich GAR NICHTS!
Für uns.
Man kann nicht unser Maß von Einkommen auf China anwenden. $17 sind dort viel, viel mehr wert, als bei uns oder in den USA. Analog kann man sich ja auch mal fragen, wieso viele Hilfsorganisationen für die “Adoption” eines Kindes in der dritten Welt werben und sagen, dass $20-$50 ausreichen, um es 1 Jahr lang zu versorgen. Weil der Wert von Geld relativ ist. Relativ zu dem Ort, an dem es eingesetzt/verdient wird.
Tim Worstall (der Autor des Forbes Artikel, es ist kein Tippfehler) hat ausgerechnet, dass bei 6 Arbeitstagen und einem Verdienst von $17 der durchschnittliche Foxconn Arbeiter auf ein Jahreseinkommen von $6.000 kommt. Das ist für uns in den Industrienationen wenig, aber für chinesische Verhältnisse ist es fast ein Vermögen. Es entspricht mehr oder weniger dem pro-Kopf Bruttonationaleinkommen in China und liegt damit über dem Durchschnitt.
Insgesamt ist das durchschnittliche Einkommen und der Wohlstand in China in den letzten Jahren/Jahrzehnzen rapide angestiegen. Und warum? Weil viele ausländische Firmen ihre Fabriken in China ansiedeln, da die Arbeitskräfte dort im Vergleich wesentlich billiger sind als in den eigenen Ländern. Der Kampf um ideale Standorte, qualifizierte Arbeiter etc. kommt auch den Menschen zu Gute, da sich für sie die Situation bessert.
Das bedeutet, dass ein Boykott der Apple Produkte letztlich diesen Menschen schaden würde, aber nicht unbedingt Apple. Diese könnten ihre Produktion einfach woanders hin verlagern. Das ist das gleiche wie mit den netten politischen Embargos, die am Ende die normale Bevölkerung mehr bestrafen als diejenigen, die es treffen soll.
Foxconn ist nicht gleich Apple!
Ein weiterer Fakt, der sehr, sehr gerne übersehen wird, ist dass Foxconn nicht gleich Apple ist! Insgesamt arbeiten etwa 1.000.000 (1 Million) Menschen für Foxconn. Und wie viele davon stellen Apple Produkte her? 230,000.
Das sind 25% der gesamten Belegschaft in den Foxconn Fabriken. Oder 1/4. Die anderen produzieren für bekannte Firmen wie Amazon, Dell, Hewlett-Packard, Motorola, Nintendo, Nokia, Samsung und Sony. Irgendwie steigt denen nie irgend jemand auf’s Dach, wenn bei Foxconn etwas passiert. Es ist immer nur Apple in den Schlagzeilen.
Was bedeutet das alles nun?
Auch auf die Gefahr hin, als Verschwörungstheoretiker bezeichnet zu werden, lehne ich mich aus dem Fenster und meine, dass es besonders bequem ist, auf Apple einzuschlagen. Der Erfolg des Unternehmens auf vielen Märkten macht es im Moment nur schwer angreifbar. Und Apple identifiziert sich ja fast ausschließlich über sein Image als innovatives, kreatives und “gutes” Unternehmen.
Der Vorwurf, dass man Arbeiter ausbeutet und deren Gefährdung hin nimmt, ist da natürlich ein wirksames Mittel, um dieses Image zu schädigen. Ich muss dabei auch immer an Al Gore und die Hetzkampagnen denken, denen er vor einigen Jahren ausgesetzt war (noch vor seinem Nobelpreis). Da man seine Argumente wissenschaftlich nicht widerlegen konnte, wurden sogar Berichte fabriziert, die ihn in einem schlechten Licht dastehen ließen.
Frei nach dem Motto: “If you can’t kill the message, kill the messenger.” (Wenn du die Nachricht nicht begraben kannst, bring den Überbringer der Nachricht um.)
Damit will ich keineswegs sagen, dass es nicht in der Verantwortung aller Unternehmen ist, die in China produzieren, dass die Arbeitsbedingungen so gut wie nur menschenmöglich sind und dass die Gesundheit und Sicherheit der Arbeiter vor allen finanziellen Erwägungen stehen müssen. Das sollte als selbstverständlich gelten. Aber uns muss auch klar sein, dass man nicht die gleichen Maßstäbe in Entwicklungsländern wie in Industrienationen anwenden kann (fragt jeden Soziologen/Sozialwissenschaftler, der wird euch das bestätigen, dass ist keine Arroganz von meiner Seite).
The advantages of established First World industries are still formidable. The only reason developing countries have been able to compete with those industries is their ability to offer employers cheap labor. Deny them that ability, and you might well deny them the prospect of continuing industrial growth, even reverse the growth that has been achieved.
- Paul Krugmann, Wirtschaftsprofessor am MIT
“Die Vorteile in den Ländern der ersten Welt sind nach wie vor herausragend. Der einzige Grund, aus dem Entwicklungsländer in der Lage sind, mit diesen Industrien im Wettbewerb zu stehen, ist weil sie billige Arbeitskräfte anbieten. Wird man ihnen [den Entwicklungsländern] das verwehren, verwehrt man ihnen auch die Chance auf kontinuierliches Wachstum und kann sogar den Fortschritt umkehren, den man bisher erreicht hat.“
Das sind wirtschaftliche und politische Tatsachen, denen man sich stellen muss. Wenn die Zustände wirklich so menschenunwürdig wären, wie man uns zum Teil Glauben machen will, würden wohl kaum Abertausende von Bewerbern um die Stellen in den neuen Foxconn Fabriken anstehen.
Und all diejenigen, die das nicht überzeugt, sollten sich auch mal fragen: Was ist die Alternative? Die Fabriken in China und bald Brasilien schließen? Die Million an Arbeitern auf die Straße setzen? Das passiert bei einem Boykott nämlich und nutzt keinem.
Außerdem: Wenn die Produktion in die USA oder “entwickeltere” Länder verlagert wird, wird damit auch der Preis der Geräte steigen. Sind die Kritiker denn auch bereit, für ihren iPad oder iMac das drei- bis vierfache zu zahlen?
Es ist kein einfaches Thema und es gibt keine Patentlösung. Aber es ist wichtig, alle Informationen im Kontext zu sehen und nicht einfach nur blind den Schlagzeilen zu vertrauen.
Was ist eure Meinung zu diesem Thema?
Die Gegendarstellung
Vielen Dank an den @lauterjens vom Mac User Treff dafür, dass er mich auf diese sehr kritische Gegendarstellung zu dem von mir zitierten Artikel (Forbes) aufmerksam gemacht hat.
A campaign to stop Stephen Fry…From Being an idiot
Autor Mike Daisey nimmt den Forbes Artikel auseinander, um zu zeigen, dass die Argumente schwachsinnig und – wenn man seinen Sarkasmus weglässt – menschenverachtend sind.
Während ich natürlich nicht sagen kann, ob die im Forbes Artikel verwendeten Zahlen, zu 100% stimmen, muss ich aber darauf hinweisen, dass Mr Daisey genau das macht, was ich weiter oben versucht habe, klarzustellen: Sich nicht emotional mit dieser Debatte zu befassen sondern auf sachlicher Ebene.
Keine verwandten Artikel.


Apple, Foxconn & eine analytischer Blick auf die Arbeitsbedingungen http://t.co/9L1Ank5p via @_appforthat_
Bin nicht der pro Apple, aber: Apple, Foxconn & eine analytischer Blick auf die Arbeitsbedingungen http://t.co/iK1mt8sG #fb
Apple, Foxconn & eine analytischer Blick auf die Arbeitsbedingungen http://t.co/mVjcY8ms
Danke Dir für diese Analyse! Leider wollen soetwas die wenigsten wissen und werden es auch nicht lesen.
Es ist nun mal so: Erfolg ruft Neid und Missgunst hervor, und da werden Realitäten ausgeblendet oder verdreht.
Bitte weiter so!